Weltagrarbericht - Wege aus der Hungerkrise
Warum müssen auf unserem Planeten über eine Milliarde Menschen hungern und gleichzeitig ebenso viele an krank machender Fettleibigkeit leiden? 2,3 Milliarden Tonnen Getreide wurden 2008 weltweit geerntet, mehr als je zuvor, auch pro Kopf der Bevölkerung. Doch nur 47% davon dienten der menschlichen Ernährung. Der Rest ist Tierfutter, Sprit, industrieller Rohstoff und Abfall. Unser globales Ernährungs-System ist eine der wichtigsten Ursachen für Klimawandel, Artensterben, Umweltvergiftung und Wasserknappheit; aber auch für vermeidbare Krankheiten, Kinderarbeit, Armut und Ungerechtigkeit. Im Auftrag der Vereinten Nationen und der Weltbank faßten 500 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler den Stand des globalen Wissens über die Landwirtschaft, ihre Geschichte und Zukunft zusammen. 58 Regierungen verabschiedeten die Zusammenfassung der Ergebnisse. Sie sind unbequem und alarmierend, warnen vor Irrwegen und zeigen Auswege. Diese Webseite präsentiert die wichtigsten Ergebnisse des Weltagrarberichts, macht alle seine Berichte zugänglich und liefert Hintergründe und Detailinformationen. Sie soll zum Nachdenken und zur Diskussion anregen, vor allem aber zum Handeln.
Skandalöse Kartoffelverbote – Recht auf Nahrung ist unantastbar
Bisher war die Schweiz beim Schutz der Vielfalt von Nutzpflanzen europaweit führend. Mit den jüngsten Saatgut-Verboten der Sorten Red Cardinal, Corne de gatte, Vitelotte noire, Roosevelt, Highland Burgandy Red und Patates Verrayes, die per sofort in der Schweiz weder gehandelt noch angebaut werden dürfen, ist unsere Vielfalt an Gemüse- und Kartoffelsorten bedroht. Das ist jedoch erst die Spitze des Eisberges. Wird die Saat- und Pflanzgutverordnung des Eidg. Volkswirtschaftsdepartementes (EVD) verschärft, dann könnten bereits nächstes Jahr rund 150 alte Gemüse- und Kartoffelsorten vom heimischen Markt verschwunden sein. Damit wären zwischen 30 und 40 Prozent der von der Arterhaltungs-Stiftung ProSpecieRara angebotenen Sorten in Gefahr. Wie schnell es gehen kann, zeigen Vorabklärungen der Stiftung bei den Kartoffeln: 5 von 14 zur Anmeldung gebrachten Sorten wurden vom Bund abgelehnt und dürfen nicht mehr gehandelt werden. Es darf nicht sein, dass der Bund von der Landwirtschaft mehr Markt fordert und gleichzeitig neue Beschränkungen erlässt, die letztendlich die Monopolstellung der Saatgutmultis stärkt. Warum fordert der Bund von den Bauern eine innovative Marktnischenproduktion und verbietet gleichzeitig den innovativen Bauern das Anbauen gewisser seltener Kartoffelsorten? Macht er einen Kniefall vor den Agrarmultis? Zehn Saatgutkonzerne kontrollieren heute die Hälfte des Weltmarktes an Saatgut. Diese Monopolsituation kann massive Auswirkungen (Versorgungsengpässe, steigende Preise) auf die weltweite Nahrungssicherheit haben. Die explodierenden Nahrungsmittelpreise im letzten Jahr gaben da einen Vorgeschmack. Dies zeigt sich nach Meinung des kanadischen Umwelt-Instituts ETC Group auch daran, dass immer mehr Staaten auf Druck der Saatgutkonzerne hin gesetzliche Vorschriften erlassen, mit deren Hilfe die traditionell übliche kostenlose Wiederaussaat durch die Bauern verboten wird. Die Saatgutverbote verstossen auch gegen die von der Schweiz 1992 unterzeichnete Biodiversitätskonvention, die jedes Land dazu verpflichtet, die eigene Vielfalt an Pflanzen und Tieren zu erhalten. Totalitär anmutende staatliche Vorschriften, was die Bauern anpflanzen bzw. wir essen dürfen, sind ein nicht tolerierbarer Angriff auf unsere persönliche Freiheit sowie das unantastbare Recht auf Nahrung.
P. Aebersold, Zürich
http://www.vielfalt-fuer-alle.ch/home-de.xhtm
Wem soll der Agrarfreihandel mit der EU dienen?
(Leserbrief zu „Der Agrarfreihandel mit der EU spaltet die Nahrungsmittelindustrie“ / NZZ 11.09.08)
Die Lektüre des Artikels über die Auswirkungen eines allfälligen Freihandelsabkommens ist sehr informativ. Als Quintessenz ergibt sich, dass die meisten Schweizer Landwirte verständlicherweise gegen die Liberalisierung des Agrarhandels eingestellt sind, weil bekanntlich viele Bauernbetriebe den damit verbundenen massiven Preiszerfall nicht überleben würden. Ebenso gibt Mathias Adank, CEO der Zweifel Pomy Chips, zum Ausdruck, dass die KMU der Nahrungsmittelverarbeitung lieber für den attraktiven Inlandmarkt mit seinen kaufkräftigen Konsumenten produzieren, als sich von der versprochenen Aussicht auf künftige Exportmöglichkeiten dank günstigerer Rohstoffe blenden zu lassen. Ob die Schweizer KMU ihre Produkte je in den EU-Ländern absetzen könnten, hält Adank – und da bin ich ganz seiner Meinung – für äusserst fragwürdig. Was dagegen als Folge eines Freihandelsabkommens ganz sicher wäre, ist ein Strom von billigen Agrarprodukten aus der EU, die nicht nur die Schweizer Bauernbetriebe, sondern auch die inländischen Nahrungsmittelverarbeiter derart unter Druck setzen würden, dass viele Unternehmen geschlossen werden müssten. Diese berechtigten Bedenken von Mathias Adank und anderen KMU-Vertretern werden im NZZ-Artikel als „Abschottung“ abgetan. Nun könnte ich als Konsumentin ja finden, dass billigere Preise zu meinem Vorteil wären. Allerdings wundere ich mich schon seit längerem darüber, dass manche Konsumentinnen-Organisationen keine Bedenken gegen die bunt verpackten Billig-Lebensmittel mit ihren zahlreichen kleingedruckten E-Faktoren hegen. Ein Teil der höheren Preise in der Schweiz ist nämlich auch Ergebnis des hohen Standards in Bezug auf Umweltauflagen und artgerechte Tierhaltung, ganz zu schweigen von der Ablehnung jeglichen Gentech-Foods durch den Grossteil der Bevölkerung. Wem würde ein Agrarfreihandelsabkommen mit der EU denn dienen? Den Bauern und den KMU würde es grossen Schaden zufügen, und für die Konsumenten wären die Folgen auch nicht so rosig, wie es den Anschein macht. Cui bono? Eine klare Antwort erhält die Leserin von Roland Decorvet, Generaldirektor der Nestlé Schweiz: Den globalen Grosskonzernen der Nahrungsmittelindustrie würde die Liberalisierung des Handels mit der EU nützen. Nestlé könnte im Ausland ohne „kompliziertes Import- und Exportregime“ billig Butter, Mehl und Milchpulver beziehen und dann ihre Schokolade und Milchprodukte zu günstigeren Preisen exportieren. Ganz nebenbei erfährt die interessierte Leserin ausserdem, dass Nestlé, einer der umsatzkräftigsten Nahrungsmittel-Konzerne der Welt, vom Schweizer Steuerzahler Exportbeihilfe bezieht. Da ist es mir weit lieber, mit meinen Steuergeldern die Existenz der Schweizer Landwirtschaft und damit die Ernährungssouveränität unseres Landes sichern zu helfen, als sie den Grosskonzernen zu spendieren. Auch bezahle ich lieber ein paar Franken mehr für gesunde Nahrungsmittel aus der Region und richte dafür den Menuplan meiner Familie etwas sparsamer ein.
Marianne Wüthrich, Zürich
|
Neue Zürcher Zeitung, 2008-09-11; Seite 29; Nummer 212
Zustimmung bei Grosskonzernen, Skepsis bei KMU
Nein zum Cassis-de-Dijon-Prinzip
Lesen…
Referendum
Unterschriftenbogen
|