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Videoausschnitte von der Veranstaltung in Zofingen
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Dr. Peter Mattmann
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Wir befinden uns in einem Abstimmungskampf, der auf den ersten Blick und oberflächlich
gesehen den Aspekt hat eines Kampfes zwischen David und Goliath oder eines Kampfes zwischen
einem Elefanten und einer Maus. Also, wenn man das so spürt, hat man das Gefühl,
wir hätten überhaupt keine Chance. Wir sehen den Bundesrat, der seine Hofveranstaltungen
macht, achtzig an der Zahl; wir wissen, dass der Gegner eine riesige Summe einsetzt für die
Propaganda für die Bilateralen Verträge, und dann könnte man denken, haben wir denn
überhaupt eine Chance?
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Ich glaube, der oberflächliche Blick, der täuscht. Denn man
muss wissen, dass es in der Schweiz eben zwei Stränge der demokratischen Meinungs- und
Willensbildung gibt, im Unterschied zu vielen anderen europäischen Ländern, in denen
diese Stränge nicht so eindeutig sind. Der eine Strang ist der parlamentarische Strang, die
sogenannte repräsentative Demokratie, das Parlament oder der Parteienstaat. Parteien sind in
der Schweiz eigentlich Wahlvereine, die entstehen, damit man Leute ins Parlament bringen kann. Und
neben dem Parteienstaat gibt es aber eben etwas ganz Wichtiges, das ist die direkte Demokratie. Und
die direkte Demokratie ist gedacht und hat bis jetzt auch funktioniert als ein Korrektiv des
Parteienstaats. Immer dort, wo Parteien versagen, immer dort, wo die repräsentative Demokratie
versagt in dem Sinn, dass sie nicht mehr repräsentativ ist, das Parlament nicht mehr
repräsentativ ist für die Volksmeinung, immer dort ist in der Schweiz nachher über
die direkte Demokratie möglich, dass das Volk die Notbremse zieht oder das Volk im Prinzip
die Parlamentsenscheidungen korrigiert. Und das ist halt in der Europapolitik so, das ist schon
beim EWR so gewesen; praktisch alle Parteien sind für den EWR gewesen und die Volksabstimmung
hat gezeigt, dass die Volksmehrheit dagegen ist. Und das ist ganz ähnlich gewesen bei der
Abstimmung über die Bundesverfassung und ich denke, es ist wieder ähnlich bei der Abstimmung
über die Bilateralen Verträge, wobei es dort ein Hauptproblem gibt.
Das Hauptproblem ist das, dass wir fast keine Zeit haben. Das ist übrigens ein Kennzeichen gewesen
aller dieser drei Abstimmungen. Die Abstimmungen in Zusammenhang mit der Europapolitik haben immer zwei
wichtige Kennzeichen, das sind Multipakt, da werden Kraut und Rüben zusammengeworfen, so dass man
nicht mehr richtig abstimmen kann. Das zweite ist, dass es immer Schnellverfahren sind. Es geht so schnell,
dass man sich gar nicht richtig mit der Thematik befassen kann. Und ich bin eigentlich überzeugt, dass
wenn wir zwei Monate mehr Zeit hätten, das Volk garantiert die Bilateralen Verträge ablehnen
würde. Wenn das Volk die annimmt, ist nur allein deswegen, meiner Meinung nach.
Ich wäre also ganz überrascht, wenn in der nächsten Zeit nicht nur eine massive
Dreckkampagne gegen die Volksbewegung, die hier ist, entstehen würde. Bis jetzt hat man noch gar
nicht viel gemerkt davon, dass es eine Opposition gibt. Sobald das klar wird, dass eine Opposition
entsteht, erwarte ich das eigentlich. Deswegen wollte ich nur kurz etwas sagen zum Charakter, wie
ich den Charakter von dieser Volksbewegung sehe. Man wird natürlich versuchen, die entweder ins
rechte Lager oder ins linke Lager einzuordnen, oder eben in ein neues faschistisches Lager. Alle die
Moden, die es gibt, wie man Leute diffamieren kann, die wird man auch hier versuchen. Und ich glaube,
wir müssen – meiner Ansicht nach – umfasst das Spektrum des Eidgenössischen
Komitées gegen die Bilateralen Verträge eigentlich das gesamte Spektrum gegen die Bilateralen,
Demokraten von links bis rechts sind da dabei. Und ich glaube, politisch orten würde ich die Bewegung
genau in der Mitte der Schweiz. Mitte ist nicht einfach die Mitte zwischen links und rechts. Mitte sind
in der Schweiz diejenigen, die das Zentrale der schweizerischen Staatsidee vertreten. Und das Zentrale ist
eben die Unabhängigkeit, der unabhängige Kleinstaat, die Neutralität und die direkte
Demokratie. Und das ist die Mitte der Schweiz, die leider zum Beispiel von den Parteien, die diese
Schweiz zum Teil auch gebaut haben, von der FDP und von der CVP verlassen worden ist. Darum sagt man,
es hätte eigentlich gar keinen Platz mehr in der Mitte. Die Volksbewegung, die steht genau dort.
Da sind Leute dabei, die in sozialpolitischen Fragen ganz unterschiedliche Meinungen haben, aber in
Bezug auf die zentrale Frage der Schweiz sind wir uns einig.
Man kann sich natürlich fragen, ja warum ist denn das passiert, dass Parteien plötzlich
dermassen weit weg sind vom Volk. Sie haben ja vielleicht gesehen, dass die CVP-Delegiertenversammlung
mit 121:0 Stimmen die Bilateralen Verträge angenommen hat. Der SP-Parteivorstand hat mit
Einstimmigkeit die Bilateralen akzeptiert. Das sind Resultate, die man noch nicht einmal in der
ehemaligen DDR gehabt hat. Das deutet eine Gleichschaltung an, die nichts mehr zu tun hat mit dem, was
im Volk vorhanden ist.
Ich glaube, wenn man eine Erklärung dafür will, dann muss man die Geschichte der letzten
zehn Jahre in der Schweiz anschauen. Das möchte ich kurz noch machen, ich möchte kurz noch
den Geschichtsverlauf darstellen und dann nachher noch über die Bilateralen sprechen, über
den Zusammenhang der Bilateralen mit dieser Geschichte. Ich glaube, die Geschichte der schweizerischen
Politik ist ganz eigenartig. Historiker werden später einmal sagen, was ist das für ein Jahrzehnt
gewesen, das ist eine dermassen eigenartige Politik gewesen, die dort passiert ist. Ich glaube, das hat
damit zu tun, dass um 1990 herum ein riesiger Druck gekommen ist aus dem Ausland – das ist vor allem
von bestimmten Kräften in Amerika und von bestimmten Kräften der grossen europäischen
Nationen gekommen, also der EU, d.h., die hinter der EU stehen – ein massiver Druck, die Schweiz
müsse sich in dem neuen Reich, das da entstehe, ich würde einmal sagen, es ist das Vierte
Reich, anschliessen. Und man kann die Schweizer Politik nicht verstehen, wenn man die weltpolitische
Einbettung der Schweiz und der Schweizer Politik nicht berücksichtigt. Es ist ja so gewesen,
dass 1988 der Bundesrat in seinem ersten Europabericht ganz klar gesagt hat, ein Beitritt der Schweiz
zur EU oder zur EG – wie sie damals noch geheissen hat – kommt überhaupt nicht in Frage,
weil das dermassen die Grundideen und die Grundelemente unseres Staates in Frage stellen würde,
dass man wirklich im Prinzip eigentlich das Projekt Schweiz, das jetzt über 700 Jahre alt ist,
damit gefährden würde. Das ist 1988 gewesen und dann ganz plötzlich, 1991 sind ja die
700-Jahrfeiern gewesen, Sie wissen: 700 Jahre Eidgenossenschaft, und dann ist es ganz merkwürdig
gewesen, da ist mir ein komisches Gefühl aufgekommen, weil alle Festreden überhaupt nichts zu
tun hatten mit dem Jubiläum, das sind eigentlich viel mehr Grabreden gewesen. Das einzige, was man
noch gehört hat von den Bundesräten, ist gewesen, dass sie gesagt haben, also wir müssen
jetzt schon gucken, dass wir uns bald anschliessen in der EU und in die Nähe gehen, sonst sind wir
dann isoliert und alles; das über die Schweiz, darüber hat man eigentlich gar nicht mehr geredet.
1991 sind Nationalratswahlen gewesen. Plötzlich – vorher ist’s ein Thema gewesen –
etwa vier Monate vor den Wahlen hat’s geheissen, also die ganze Europapolitik ist kein Thema,
über das reden wir noch gar nicht, das geht noch lang, lang. Ein Tag nach den Nationalratswahlen,
bei denen man nicht darüber diskutieren wollte, sind drei Bundesräte vor die Presse getreten
und haben gesagt, das strategische Ziel der schweizerischen Eidgenossenschaft ist der EU-Beitritt; ein
Tag nach den Nationalratswahlen!
Sie können sich das dann ungefähr vorstellen, wie das laufen wird, wenn die Bilateralen
angenommen werden, wie viel man den Schalmeien trauen kann, die sagen, die Bilateralen haben überhaupt
nichts zu tun mit einem EU-Beitritt. Das ist knallhart. Das Volk wird da über den Tisch gezogen, das
ist gewissen Herren bei uns gleichgültig, ob da ein gewisser Anstand überhaupt noch gewahrt wird.
Nachher ist ja 1992 die EWR-Abstimmung gewesen. Und die EWR-Abstimmung ist ja eigentlich ganz ähnlich
gewesen wie die Bilateralen-Abstimmung. Man hat nämlich ein Multipakt gemacht. Die Schweiz sollte
innerhalb eines halben Jahres eine Gesetzessammlung übernehmen von 12 Bundesordnern – wir haben
die damals auf dem Luzerner Rathaustreppe ausgestellt, damit die Leute überhaupt wissen, worüber
sie abgestimmt haben. Und da ist den Leuten klar geworden, dass sie keine Ahnung haben, zu was sie Ja oder
Nein sagen, es hat doch niemand etwas gewusst. Die 12.000 Seiten Gesetzestext, die man da übernehmen
sollte, die sind quasi in einem halben Jahr durchgepeitscht worden. Man hatte im Juni ´92 das Zeug noch
nicht einmal gedruckt, und die Abstimmung ist bereits am 6. Dezember festgelegt gewesen. Das ist auch da so
gewesen: Die Abstimmung ist festgelegt gewesen, bevor man gewusst hat, ob überhaupt ein Referendum
zustandekommt. Das ist die genau gleiche Situation wie damals vor dem EWR-Beitritt. Gott sei Dank ist es
damals so gewesen, dass das Volk die Notbremse gezogen hat. Dann hat man denken können: Also gut, jetzt
hat das Volk entschieden, dann müsste eigentlich der Kurs des Bundesrates eine andere Richtung nehmen,
wenn man davon ausgeht, dass der Bundesrat die Volksmehrheit eigentlich vertritt. Keine Spur davon, es hat
keinen Rückzug gegeben von dem EU-Beitrittsgesuch von 1991. Im Gegenteil, was eingesetzt hat, ist eine
ganz primitive Beschimpfungskampagne. Es ist ein neuer Sport entstanden in der Schweiz, nämlich
Volksbeschimpfung. Denn bei jeder Abstimmung, bei der das Volk irgendwie ein bisschen kritisch gewesen ist
gegenüber der EU, hat man ... – das haben Sie ja mitbekommen, das muss ich Ihnen nicht mehr
erzählen. Sie haben auch die sogenannte Holocaustkampagne mitbekommen; da ist es ja darum gegangen,
zuerst hat man mit einer massiven Kampagne gesagt, Schweiz hätte eine dreckige Politik gemacht im
Zweiten Weltkrieg, man hat gesagt, etwa 10 Milliarden Gelder hielten wir zurück auf den Schweizer Banken,
nachdem man den (Volker-?)Bericht, die ganze Kommission abgeschlossen hat. Sie wissen, es sind ungefähr
8-10 Millionen gewesen, die hervor gekommen sind. Im Wesentlichen ist es darum gegangen, man hat den
Schweizern sagen müssen, eure Neutralität ist nichts wert, die ist auch im Zweiten Weltkrieg
nichts wert gewesen, gebt sie doch auf. Das also zu der Geschichte der neunziger Jahre.
Wir sind heute in einer Situation mit den Ereignissen, die in der EU passieren, zu der ich sagen
würde, es ist eine parallele Situation tatsächlich zu der Zeit von 1933 bis 1939. Ich
glaube, die sogenannte Totalitarismusdebatte oder die Faschismusdebatte, die heute in der Schweiz
läuft, die ist wichtig, aber ich glaube, man muss sie auf einer anderen Ebene führen.
Ich bin der Meinung, der Faschismus ist eine Bewegung gewesen, die zu einer bestimmten geschichtlichen
Epoche gehört, und die Geschichte macht keine identischen Kopien. Ich denke, man muss es anders
führen, man muss angucken, was heute passiert. Und wenn man anguckt, was heute passiert, die ganzen
Ereignisse um Österreich oder die ganzen Ereignisse um die Rüstung, dann ist es eigentlich
klar, es gibt ganz viele Parallelen zur damaligen Zeit. Damals ist es von der Hitlerbewegung
völlig klar gewesen, ist die Tendenz ausgegangen, dass man gesagt hat, alle deutschen Staaten
sollen zusammengefasst sein im Dritten Reich. Man hatte eigentlich auch in der Schweiz es damals
abgesprochen, dass sie weiterhin selber ein unabhängiger Staat sein soll. Lesen Sie einmal
die Geschichte nach, das ist absolut klar, die Nazis haben immer gesagt, wir denken, alle
deutschsprachigen Völker gehören ins Dritte Reich, und gleichzeitig war damit verbunden,
dass man die Souveränität der einzelnen Nationalstaaten in Frage gestellt hat –
genau das gleiche, was heute passiert; dass man heute sagt, Nationalstaaten sind nicht mehr wichtig,
wir haben eben eine sogenannte Wertegemeinschaft. Wir haben wieder eine militärische
Aufrüstung nach zehn Jahren militärischer Abrüstung. Wir haben ein offensives
Militärkonzept; der Hitler hat immer im Vorhinein gesagt, ich rüste auf, ich löse
dann eben das, was nicht passiert, die Kapitulation, militärisch lösen. Ich sage nicht,
dass das heute völlig identisch ist heute oder dass das die gleiche Bewegung ist heute,
überhaupt nicht, ich sage nur, es gibt Parallelen. Wir hatten eine Gleichschaltung der
Parteien, ich würde sagen, das haben wir heute zum Teil, das sieht man an den Bilateralen,
es erzählen quasi alle das gleiche. Wir haben die Gleichschaltung der Presse. Zeigen Sie mir
die schweizerische Tageszeitung, die gegen die Bilateralen auftritt. Es ist doch komisch, dass
in einem Land, in dem ungefähr die Hälfte der Leute gegen den EU-Beitritt sind, es
keine einzige Zeitung mehr gibt, die die Argumente gegen den EU-Beitritt überhaupt auch
bringt. Und dann nicht zuletzt haben wir eine Hetze, die man aus der Nazizeit kennt gegen ganze
Volksteile, gegen ganze Völker wie es zum Beispiel gegen die Österreicher ist, die es
nicht mehr gab seit 1945. Das sogenannte Friedensprojekt von der EU, man sieht, wie weit wir
damit gekommen sind. Dass europäische Minister sich nicht mehr die Hand geben, das hat
es seit 1945 nicht mehr gegeben.
Ich denke, die Bilateralen sind ein wichtiger Teilschritt auf dem Weg der Eingliederung der
Schweiz in die EU. Schweiz passt eigentlich überhaupt nicht dort hinein, weil sie praktisch
in allen Fragen ein direktes Gegenmodell dazu ist. Wir sind ein unabhängiger Kleinstaat ohne
jegliche Grossmachtabsichten, wir vertreten die Neutralität, das heisst, wir wollen keine
Einmischung in fremde Handlungen, wir haben eine direkte Demokratie, die mit den anderen zwei
Sachen zusammenhängt. Die direkte Demokratie gibt es nicht in Grossmächten, das ist
gar nicht möglich. Wenn der Jugoslawien-Krieg mit einer direkten Demokratie hätte
beschlossen werden müssen, wäre er eben gar nicht beschlossen worden. Sobald man
andere Länder überfallen will, sobald man ein militärisch offensives Konzept hat,
dann ist auch die direkte Demokratie nicht mehr möglich.
Meiner Meinung nach sind die Bilateralen ein Einschwenken in eine Einbahnstrasse, die völlig
klar in die Richtung EU-Beitritt geht. Es gibt gar keine andere Interpretation von einem Ja zu den
Bilateralen. Die Kräfte, die möglichst sofort in die EU wollen, die werden auf jeden Fall
das als ein Ja ansehen, so dass sofort Beitrittsverhandlung aufgenommen werden. Und nur, wenn Sie
nein sagen, dann haben wir eine gewisse Gewähr, dass für einige Jahre das Gestürme
aufhört und dass wir uns sammeln können, wir alle, die eigentlich die Schweiz als
unabhängiges Land, als neutrales Land und als direktdemokratisches Land erhalten wollen.
Es gibt einen zweiten wichtigen Grund gegen die EU. Das ist, dass das wirklich Verträge sind,
denen man aus tausend Metern ansieht, dass sie von Leuten ausgehandelt worden sind, die einfach um
jeden Preis in die EU wollen. Man kann es nur so erklären. Weil wenn man sie anschaut, ist es
völlig klar, die sind dermassen zum einseitigen Nachteil der Schweiz, dass alle Leute, die sie
wirklich gelesen haben und die Zeit hatten, sich damit zu beschäftigen, am Schuss sagen, so
etwas unterschreibe ich einfach nicht. Wo sind denn die Vorteile? Es gibt ganz minimale Vorteile,
zum Beispiel bei der Beseitigung der technischen Handelshemmnisse. Das sind aber Vorteile, die die
EU auch hat, weil das gegenseitige Vorteile sind. Und von diesen Vorteilen können nur solche
Betriebe überhaupt profitieren, die exportieren, und alle diejenigen Betriebe, die nicht
exportieren, die mit Abstand den grösseren Teil der Betriebe ausmachen, die haben davon nichts.
Und dem gegenüber steht eine unglaubliche Nettolast, wir werden – auch jetzt schon, bevor
wir dabei sind – zu einem ganz eindeutigen Nettozahler an die EU. Wir werden Milliarden
abliefern, schon im Landverkehr , wir werden Milliarden abliefern in den Sozialwerken, wenn man das
auf längere Zeit anschaut, ohne dass wir überhaupt ein Gegenwert haben dafür. Im
Personenverkehr wird es einen verschärften Lohndruck geben und einen verschärften Druck
auf die Arbeitsplätze der Leute. Im Beschaffungswesen führt es dazu, dass alle Gemeinden
ab einem bestimmten Betrag ihre Projekte, die sie haben, zum Beispiel Schulhausbauten, alles
international ausschreiben müssen und verpflichtet sind, das dem billigsten Anbieter zu geben,
auch wenn der aus Portugal kommt. Man darf gar nicht mehr die Handwerker der eigenen Gemeinde zum
Beispiele bevorzugen. Das gibt natürlich einen massiven Druck auf das Gewerbe. Ein grosser Teil
des Gewerbes wird in existenzielle Probleme kommen. Das gleiche ist in der Landwirtschaft, das kann
ich sein lassen, darüber wird nachher noch geredet. Und jetzt nur noch etwas zum Landverkehr:
Das ist nun wirklich absolut die Höhe, was im Landverkehr passiert, die meisten Leute wissen
das gar nicht. 1994 hat ja das Schweizervolk – und man kann zu dieser Initiative stehen wie
man will, ob das sinnvoll war oder nicht – einen Verfassungsartikel angenommen, der heisst,
innerhalb von zehn Jahren muss der gesamte Transitverkehr von Grenze zu Grenze auf die Bahn. Mit
diesen Bilateralen Verträgen, was passiert da? Es ist das pure Gegenteil. Man sagt, genau ab
dem Datum, ab dem der Verkehr auf der Bahn sein sollte, nämlich ab 2005, sagt man, von da an
wird die Schweiz jegliche Beschränkungsmöglichkeit aufheben. Das heisst, die Schweiz hat
überhaupt keine Möglichkeit mehr, etwas zu sagen, was auf der Bahn laufen soll, was auf der
Strasse läuft und wie gross der Verkehr überhaupt sein darf. Die EU bekommt das Recht,
uneingeschränkt durch die Schweiz durchzufahren, wie viele das auch sind, wie viel das uns auch
kostet. Das ist nämlich das zweite, wenn wir solche Leistungen erbringen für unsere
europäischen Nachbarn, von denen wir nichts haben, dann müssten wir zumindestens den Preis
verlangen können, den es kostet. In den Verträgen wir genau der Preis, den das kostet, von
vorneherein festgesetzt, und zwar so, dass wir nur die Hälfte der Selbstkosten bekommen. Das
heisst, dass wir für jeden Lastwagen, der durch die Schweiz fährt, im Prinzip etwa die
Hälfte, das sind etwa 300,- SFr., aus der eigenen Tasche zahlen, von einem Transport, von dem
wir nichts haben und der uns eigentlich gar nichts angeht. Und dann soll noch jemand sagen, das sei
ein Vertrag, der überhaupt nur einigermassen zum Vorteil der Schweiz ausginge.
Und jetzt zum Schluss noch ein drittes Argument gegen die Bilateralen Verträge, das ist
das Argument der Demokratie. Also ein Vertrag, der gut ist, den muss man nicht dermassen
fadenscheinig am Volk vorbeimogeln. Es ist ja völlig klar, wenn man sich damit vors Volk
stellen dürfte, dann hätte man nicht solche Tricks anwenden müssen. Sie wissen
ja zum Beispiel, dass Parlamentarier, die tausend Seiten eine Woche vor der Behandlung in den
Räten bekommen haben, können Sie sich überlegen, wie genau mancher das gelesen
hat. Und Sie wissen, die kurze Zeit, die wir überhaupt haben, um die Leute zu informieren,
um überhaupt einen Abstimmungskampf in Gang zu bringen. An diesen Verträgen ist sechs
Jahre lang verhandelt worden, und jetzt sollen sie innerhalb von fünf Monaten am Volk vorbei.
Das ist doch einfach etwas, das nicht in Ordnung ist. Das Argument allein genügt, dass man
Nein sagt 21. Mai.
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Dr. med. P. Mattmann
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weiter
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Ib Christensen
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auf Englisch gehalten
Vielen Dank für die Einladung. Vor allem ist wichtig zu wissen, dass die Europäische Union
ein Staat ist. Die Europäische Union ist keine internationale Organisation wie beispielsweise
die UNO, die OECD, der Europarat, die Nato. Die Europäische Union ist de facto ein Staat. Sie
ist in einigen Bereichen noch mehr zentralisiert als die USA, in anderen wiederum weniger, aber die
Europäische Union ist ein Staat und wer das nicht versteht, der versteht viele Probleme dieses
Apparates nicht. Das ist die Frage, die Sie sich stellen müssen:
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möchte die Schweiz diesem Staat beitreten oder nicht?
Die Umsetzung der Aussenpolitik wird eigentlich durch Mehrheitsbeschluss durchgesetzt. Die
Sicherheitspolitik wird oft dem Wortlaut nach, muss einmütig, von allen muss der zugestimmt
werden. In Tat und Wahrheit wird die Sicherheitspolitik, die Verteidigungspolitik der EU von
Frankreich, Deutschland und Grossbritanien bestimmt. Alle 15 EU-Mitglieder sind gleich, aber
einige sind etwas gleicher als andere.
Die WEU (Westeuropäische Union) wird zu einem Teil der EU, sie ist es eigentlich schon.
Es gibt ein Euro-Corps und es wird eine Interventionstruppe von 60 000 Mann geschaffen. Es ist
eine Tatsache, dass mit Hilfe der Petersberg-Operation, mit oder auch ohne Zustimmung der UNO,
Einsätze zur Friedenssicherung geleistet werden wie im Kosovo. Die sogenannte
“Friedenssicherung” ist ein besseres und feineres Wort für Krieg, aber es
bedeutet Krieg. Das ist eine Tatsache. Daher ist natürlich die Neutralität nicht mit
der Mitgliedschaft in der EU kompatibel. Ich weiss und Sie wissen, dass die EU-Mitgliedsstaaten
Finnland, Schweden, Irland und Österreich sind eigentlich dem Papier nach neutrale Staaten,
sie können jedoch ihre Sicherheits- und Aussenpolitik nicht unabhängig entscheiden, sie
sind Teil einer militärischen Allianz, die Teil eines föderalen Staates ist.
Die ökonomische Einheit, die Währungsunion, bedeutet innerhalb der EU eine gemeinsame
Währung, eine gemeinsame Zentralbank, eine gemeinsame Währungspolitik und gemeinsame
Umtausch-Mechanismen, im Endeffekt eine gemeinsame Wirtschaftspolitik. Die einzelnen
Mitgliedstaaten haben keine Instrumente mehr, um eine souveräne Finanzpolitik zu machen.
Das läuft sogar hinaus auf eine gemeinsame Einkommenspolitik. Wir haben bereits die Instrumente,
also wir haben eine gemeinsame Handelspolitik, eine gemeinsame Industrie-, Wirtschaftspolitik, eine
gemeinsame Landwirtschaftspolitik, wir haben eine gemeinsame Regionalpolitik und Strukturpolitik.
Also sind alle ökonomisch-politischen Instrumente, mit denen ein einzelner Mitgliedstaat seine
Wirtschaft gestalten kann, heute bereits in Brüssel.
Im Dezember diesen Jahres soll der Vertrag von Nizza vom
Ministerrat verabschiedet werden. Und dieser Vertrag legt eine gemeinsame Steuerpolitik, eine
gemeinsame Arbeitspolitik und eine gemeinsame Sozialpolitik fest.
Sie verstehen, wenn Ihr Land Mitglied der EU wird, dann haben Sie keinerlei Möglichkeit
mehr eine unabhängige Wirtschaftspolitik zu führen. Und dazu müssen Sie auch
sehen, dass innerhalb der EU die Arbeitslosenzahlen zwei- bis dreimal höher sind als
in der Schweiz und auch als in Dänemark, das ja den Euro nicht eingeführt hat.
Und auch zwei- bis dreimal höher als in allen OECD-Ländern. Der Stabilität
des Euro, wird alles geopfert, hohe Arbeitslosenzahlen werden da in Kauf genommen werden.
Die Umweltpolitik und der Konsumentenschutz wird vollständig von der EU entschieden,
zum Teil durch Richtlinien und zum Teil durch den freien Warenverkehr, durch die freien
Dienstleistungen, den freien Kapitalverkehr und den freien Personenverkehr. Ihre
Möglichkeit einer fortschrittlichen und effektiven Konsumenten- und Umweltpolitik wird
also vollkommen zerstört, wenn Sie der EU beitreten. Vielleicht sogar schon durch die
bilateralen Verträge.
Es gibt ausserdem eine gemeinsame Rechts- und Justizpolitik. Die EU wird als ein gemeinsamer
Rechtsraum verstanden, in der das Gesetz durchgesetzt wird aufgrund von Mehrheitsbeschluss.
Die Strafgesetzgebung der verschiedenen Länder wurde bereits harmonisiert, ebenso die
Einwanderungspolitik. Es gibt eine gemeinsame Polizei, Europol. Es gibt eine gemeinsame
Überwachung von sogenannten fundamentalen Menschenrechten, ökonomischen und sozialen
Rechten und einen besonderen Schwerpunkt bei der Überwachung von Parteien und Bewegungen
auf der Rechten wie auf der Linken, die gegen die EU eingestellt sind. Das sind nicht die
Neofaschisten, die sind für die EU. Es sind andere Parteien des linken und des rechten
Spektrums oder andere Parteien und Bewegungen, die gegen die EU-Mitgliedschaft sind, die
überwacht werden. Es ist möglich, diese Parteien zu überwachen und dann auch
zu kriminalisieren.
In dem Vertrag von Nizza werden Gesetze eingeführt, die die Sanktionen gegen
Österreich legal machen.
In dem Vertrag von Nizza wird eine Charta sogenannter fundamentaler Rechte aufgestellt
und eingeführt. Und gemäss dem Prinzip, dass EU-Recht jedem nationalen Recht
inklusive der Verfassung der Nationalstaaten übergeordnet ist, heisst dies, dass
in Zukunft die Grundrechte, die Menschenrechte sowie die ökonomischen und sozialen
Rechte definiert werden durch die EU, die EU wird darüber entscheiden. Damit werden
die Möglichkeiten ihrer nationalen Verfassungen ausgehebelt und in der Praxis ersetzt
durch eine Charta dieses Staates EU.
Dieses gemeinsame Bürgerrecht ersetzt damit das Bürgerrecht der Nationalstaaten.
Sie haben zwar noch die einzelnen Pässe der einzelnen Staaten, aber Sie verfügen
als Bürger über keine Rechte mehr, die Ihr Staat festgelegt hat, ausser eben diesen
Rechten, die in der Verfassung der EU festgelegt sind. Das heisst, dass das nationale
Bürgerrecht keinerlei Substanz mehr haben wird.
Innerhalb der EU gibt es keine genaue Festlegung, inwieweit die Rechte der einzelnen
Mitgliedstaaten oder eben der EU vorgehen. Im Gegensatz zu Kanada, zu den USA und auch
der Schweiz gibt es das nicht. Sie haben also keine Möglichkeit über
irgendetwas zu entscheiden, die einzige Ausnahme ist die Kirchenpolitik. Die EU hat
keine Grenzen in ihren Entscheidungsbefugnissen, denn da sich die 15 Mitgliedstaaten
nicht darauf einigen konnten, wie weit die Rechte der EU gehen sollen, hat man eben
gar kein Limit festgelegt.
Bei der EU handelt es sich nicht um einen demokratischen Staat, wie es der gesunde
Menschenverstand verstehen würde, denn sie ist ein Gebilde mit 375 Millionen
Einwohnern verschiedener Kulturen, verschiedener Traditionen, mit verschiedener
Geschichte, in der kein demokratischer Dialog zwischen den Bürgern, zwischen
den Völkern stattfindet. Die Dialoge oder Gespräche finden nur an oberster
Stelle statt. Ohne Dialog aber kann es keine funktionierende Demokratie geben. Es
gibt auch keine gemeinsame Identität innerhalb dieses Gebildes. Sie mögen
die USA kritisieren, aber die USA haben doch so etwas wie eine gemeinsame Identität,
sie haben eine gemeinsame Sprache, sie haben auch eine gemeinsame demokratische Debatte usw.
Dies ist unmöglich innerhalb einer EU, die in Bälde ungefähr eine halbe
Milliarde Einwohner umfassen wird. Das ist unmöglich. Daher kann die Demokratie auf
EU-Level nicht funktionieren.
Würde sich die Schweiz der EU anschliessen,
wäre dies für ihre vorbildliche Demokratie und für das schweizerische Volk
eine Tragödie:
Erstens wird die hochentwickelte Institution der Volksabstimmung und der direkten
Demokratie zerschlagen werden, weil dann kein Gesetz, das irgendwie die EU berührt,
mehr zur Volksabstimmung zugelassen würde. Dies trifft voraussichtlich für
mindestens 60 % aller Gesetze zu.
Zweitens wird sowohl der starke Schweizer Franken als auch der hohe Beschäftigungsgrad
dem Euro, der ja mehr der italienischen Lira als der D-Mark gleicht, und der
Arbeitslosenpolitik der EU zum Opfer fallen. Die Arbeitslosigkeit in Euroland liegt –
wie ich vorher sagte – um ein Zwei-, Dreifaches höher als in der Schweiz.
Drittens wird die effiziente und fortschrittliche
Schweizerische Umweltpolitik durch die in jeder Hinsicht schlechteren Normen der EU ersetzt
werden, wie in Dänemark.
Viertens wird die Schweiz nicht mehr selbst ihre Einwanderungs- und Flüchtlingspolitik
bestimmen können. Das kann alles bedeuten von einer Bevölkerungskatastrophe bis zum
Abschied von der stolzen Tradition als Asylland.
Fünftens wird es das Ende der Rolle der Schweiz als neutraler Boden für Verhandlungen
zwischen streitenden Parteien sein.
(nicht übersetzt: I thank you very much, I wish you luck to stay out and remain a free
democratic country with prosperity and social welfare.) Ich danke Ihnen sehr, ich wünsche
Ihnen Glück dabei, draussen zu bleiben und ein freies demokratisches Land mit Wohlstand
und soziale Wohlfahrt zu bleiben.
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Ib Christensen
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weiter
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Dr. med. Michael G. Koch
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Ich sollte hier im Grunde die Kette der Argumente verlängern um Argumente aus dem Norden
Europas. Ich glaube, ich tue das lieber nicht. Die Beobachtungen, die wir gemacht haben, sind
natürlich ganz ähnlich. Ich gebe ihnen lieber einen ganz kurzen Abriss, über das,
was historisch dort geschehen ist. Und werde mich dann lieber wie eine Epidemiologe der Analyse
der Gründe dafür widmen. Ich glaube, sie haben mehr davon.
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Skandinavien umfasst acht Länder mit zusammen 3,3 Millionen Quadratkilometern, also eine
sehr grosse Fläche. Wir haben schon aus Dänemark gehört, einem kleinen Land,
das einmal „Nein“ sagte, daraufhin zurückgepfiffen wurde zur Wahl:
„So nicht, ihr müsst anders wählen“. Es entschied sich dann mit
„Ja“ auf der Basis von Kompromissen, die man gegenüber fast allen
skandinavischen Ländern gemacht hat. Diese Kompromisse sind immer nur zeitbegrenzt und
man tut so, als wäre die Zukunft der EU ein Zeitraum von zwei oder drei Jahren. Das ist
nicht der Fall. Der Zustand, wie er nach fünf oder zehn Jahren erscheint, wird
grundsätzlich dem Volk vorenthalten. So wurde z.B. Schweden und Finnland zugesagt, eine
Sonderreglung für den Alkohol beibehalten zu können, weil die Alkoholproblematik in
Skandinavien tatsächlich etwas besonderes ist, ich will ihnen das hier nur versichern und
es nicht erläutern oder beweisen. Und erstaunt stellten sie fest, als die zwei, drei Jahre
vergangen waren, dass natürlich davon nichts mehr übrig bleibt. Der zuständige
EU-Kommissar sagte: „Nö, darüber ist auch gar nicht mehr zu reden. Wenn ich nach
Stockholm komme, dann nur um zu erläutern, warum wird darüber überhaupt nicht mehr
mit Euch sprechen. Vom 1. Juli an gilt das und das. Punkt, Schluss.“ Das ist der
überhebliche Ton einer übergeordneten EU-Behörde, den wir noch sehr häufig
und in vielen anderen Fragen hören werden.
Die gesamte Debatte in den skandinavischen Ländern war geprägt von einem Pro und Contra
aus Prognosen. In Schweden hatten wir 14 wichtige Prognosen, die von den Gegnern und den
Befürwortern halt etwas verschieden gestellt worden sind. Es ging um den Wert der Krone, um
die Zinsniveaus, um das Verhalten der Unternehmen und ähnliches mehr. Schon ein halbes Jahr
nach der schwedischen Abstimmung schwankt die Majorität von ungefähr 52-53 % Für
auf ungefähr 60 % Gegen die EU, weil sich 13 dieser 14 Prognosen bereits als falsch erwiesen
haben. Nun das Interessante: Damit konfrontiert, sagten die EU-Befürworter nicht etwa: „Oh,
das tut uns leid und das liegt daran und daran“. Sie versuchten es weder zu erklären noch
zu bestreiten. Sondern sie grinsten und sagten: „Was wollt ihr denn, ihr habt doch ja gesagt.“
Und damit muss man rechnen, es ist von Anfang an gar nicht darauf angelegt, zu stimmen. Dies werde ich
ihnen an einem ganz konkreten Beispiel noch erläutern. Dieses Beispiel ist die Schweiz.
In Finnland fiel eine klare Entscheidung für die EU, weil Finnland sich mit allen Mitteln Europa
anschliessen und von Russland abwenden möchte. Dies hat historische Gründe und ich glaube,
das müssen wir verstehen.
In Schweden gab es eine leichte Majorität auf der Basis von einer grossen Reihe von Desinformationen,
die ganz schnell aufflogen, aber das macht ja nichts. Die Unternehmer Schwedens haben mit über 600
Millionen diese Propaganda oder Desinformation finanziert. Sie schickten Busse durchs ganze Land, die also
genau wie die Presse und die Regierung die Desinformation verbreitete, die die Schweden in die EU
scheuchten. Anders kann man das nicht nennen.
Norwegen war dem gleichen Druck ausgesetzt. Aber die Norweger sind von Beginn an ein klein wenig
unabhängiger. Sie haben ausserdem die Stärke des Nordseeöls und des Nordseegases und
sind deswegen auch ökonomisch etwas unabhängiger. Interessanterweise gibt es in Norwegen
einen sehr grossen Konzern, der heisst Querna. Der ist sehr viel grösser als die grössten
Konzerne in etwa Schweden oder der Schweiz. Das heisst, man müsste hier sechs oder sieben grosse
führende Konzerne zusammenlegen, wie ABB und Hoechst, Geigy, um zu einem solchen dominanten
Unternehmen zu kommen. Querna sagte 1972 bei der ersten norwegischen Abstimmung über die EU:
„Wenn wir jetzt nicht reingehen, ist es aus. Dann geht Norwegen, das einen sehr hohen
Lebensstandard hatte und eines der höchsten Bruttosozialprodukte Europas per Capita den Berg
runter. Wir ziehen aus, wir verlegen unser Kontor ist Ausland. Wir investieren nicht mehr in Norwegen.
Es gibt Entlassungen usw.“ Die Norweger liessen sich davon nicht in die EU scheuchen, sondern
stimmten mit „Nein“. Derselbe Querna sitzt in London in einem internationalen
Wirtschaftsrat und dort redet er ganz anders. Seinen Kollegen erzählte er: „Oh, das
spielt keine Rolle, ob die Ja oder Nein stimmen. Norwegen ist ein prima Platz. Wir bleiben da.“
Als man nun 1994 erneut abstimmen sollte, ging man an die alten Aussagen und verglich sie mit der
Wirklichkeit. Querna war nicht aus Norwegen weggegangen, sondern hatte dort sein Kontor verfestigt.
Querna hatte seinen Umsatz ungefähr verzehnfacht in diesen 22 Jahren und auch die Zahl der
Angestellten ungefähr verzehnfacht. Querna hat auf Norwegen gesetzt, hat keiner seiner
Drohungen ernst gemacht und vermutlich auch niemals eine Sekunde lang ernst gemeint. Als sie
jetzt dieselben Drohungen 1994 wieder aussprachen und mit diesem etwas peinlichem Befund konfrontiert
wurden, was – glauben sie da – haben die geantwortet? Gar nichts, sondern sie verschlossen
ihr Archiv und liessen die Medien und die EU-Gegner nicht mehr an die Fakten heran. Das ist also eine
Methode, die sie in der gesamten skandinavischen EU-Diskussion durchgehend wiederfinden.
Vor ein paar Wochen wurde Wim Duesberg im schwedischen Fernsehen interviewt, weil Schweden jetzt im
Moment gerade darüber diskutiert, ob sich das Land der EMU anschliessen soll, also dem Euro, der
seit Einführung nicht 30 % an Wert gewann, wie Norbert Walter und andere Experten vorhersagten,
sondern ungefähr 15 % an Wert verlor. In diesem Zusammenhang sagte Duesberg: „Ihr
braucht gar nicht abzustimmen, ihr müsst da rein. Wenn man die Maastricht Verträge genau
liest, steht da nämlich, dass mit dem Maastricht Beschluss auch das Eintreten in die EMU bei
der Erfüllung gewisser Kriterien – die sind heute erfüllt – ein Faktum ist,
unabwendbar. Da habt ihr gar keinen Fluchtweg mehr übrig.“ Und in dem Moment ging ihm auf,
was er sagte. Das war ja nicht sehr schön im Fernsehen, zuckte zusammen und sagte: „Äh,
ich meine zu eurem eigenen Besten.“ Also, es besteht kein Fluchtweg mehr, ihr seid längst
festgelegt zu eurem eigenen Besten. Das ist der Stil der Diskussion.
Grönland wird manchmal angeführt als ein Land, das aus der EU ausgetreten ist. Das ist nicht
richtig. Grönland ist nie in die EU eingetreten. Man hat es aber mit Dänemark zusammen
einkassiert und wollte ihm den Austritt verwehren. Das geschah in einem sehr empfindlichen Moment, als
Dänemark selbst verhandelte um eine Reihe Sonderkonditionen, um nicht den Maastricht Vertrag
auffliegen zu lassen. Da Dänemark sich sehr stark machte für Grönland, darauf hinwies,
dass es keine einzige grönländische Unterschrift gab, die den Eintritt bestätigte,
stimmte man schliesslich zu und liess Grönland aussen vor. Grönland war also nicht offiziell
Mitglied der EU. Es ist aber auch nicht ausgetreten.
Alle sollen aufs Boot, keiner darf abspringen. Das gilt bislang noch immer. Und ohne die dänische
Hilfe wäre das wahrscheinlich Grönland nicht gelungen.
Es gibt noch ein paar kleine Inselstaaten, die Farör, die sich gerade versuchen von Dänemark
abzunabeln. Die Farör sind nicht von den Deutschen besetzt worden im letzten Krieg, sondern von
den Engländern. Von dieser Zeit her rührt eine ganz ganz starke Umorientierung der Farörer
zu England hin und zur Selbständigkeit. Vermutlich werden sie bald selbständig oder
halbselbständig.
Es gibt einen ähnlichen Staat, aus 6,5 Tausend Inseln bestehend zwischen Finnland und Schweden.
Auch dort ist die Erklärung ähnlich. Der wurde mal von Russland erobert und daher gehört
er heute zu Finnland – was ja eine russische Provinz war –, ist aber sprachlich und kulturell
nach Schweden orientiert. Die Ohländer hätten sich vermutlich in der Europawahl an Schweden
angeglichen. So erhandelten sie sich ein oder zwei Sonderkommissionen für ihre grossen Reedereien
und sind auch Mitglieder geworden. Das ist die Lage.
Also, wir kommen mal zu drei, vier Schlussfolgerungen.
Erstens: Die Diskussion war geprägt von Desinformation. Die Desinformationen wurden offensichtlich
bewusst benutzt. Das waren also in diesem Sinne keine Desinformationen, an die die Argumentanten selber
glaubten.
Zweitens und das beunruhigt mich sehr. In dem ganzen Prozess des Einbindens von Staaten in die EU liegt
ein durchgehender Niveauverlust, ein schlimmer Niveauverlust. Mal im Bereich der Juridik aufgegriffen,
handelt es sich darum, dass uralte gewachsene Rechtstraditionen mit einer Hierarchie von Revisions- und
Berufungsinstanzen, in denen die Kompetenz der Richter und ihre Unabhängigkeit zunimmt und der
Laienanteil abnimmt, also die Schöffen usw. allmählich verschwinden, weil die Fälle ja
juristisch immer komplizierter werden sollten. Dies wird plötzlich ersetzt durch einen Gerichtshof
von politisch eingesetzten Beamten, die in gar keiner Weise meritiert sind, die müssen nicht
Hochschullehrer sein, die müssen nicht geforscht haben, die brauchen kein Examen bestanden zu
haben, das sie hierfür meritiert, sondern es sind politisch eingesetzte Leute. Also vielleicht
der beste Busenfreund oder Logenbruder von Benedetto Craxi, der wegen 900 Millionen Unterschlagung
in Tunesien gesucht wird oder etwa des spanischen Polizeichefs, der geflohen ist, weil er gesucht wird
für sehr schlimme kriminelle Taten. Diese Leute sitzen jetzt in einem Gerichtshof, eventuell ohne
dass wir noch eine formelle Möglichkeit haben weder für die Berufung noch für die Revision.
Diese Entscheidungen sind nicht anfechtbar. Diese Entscheidungen sind alten gewachsenen Rechtssystemen
übergeordnet, obwohl weder die Meriten noch die Unabhängigkeit der Richter im entferntesten
mit denen der nationalen höchsten Gerichten zu vergleichen ist.
Es kommt noch etwas hinzu. Um sie nicht blosszustellen brauchen sie ihre Urteile nicht zu begründen.
Das ist keinem anderen Gericht in Europa erlassen und abweichende Auffassungen, die ein einzelner
tüchtiger Richter haben mag, werden nicht gesondert dargelegt. Sondern es heisst nur, einer hatte
eine abweichende Auffassung. Das ist eine Katastrophe. Also wir sehen aus der Warte der Rechtssicherheit,
der Rechtsqualität und der Rechtsphilosophie ist das ein unglaublicher Niveauverlust. Diesen
Niveauverlust können sie auf vielen vielen Sektoren sehen. Wählt man eine solche Superbehörde,
wählt man die garantierte Mediokrität. Und deswegen ist natürlich der EU jeder kleine Staat
mit einem hohen Ambitionsniveau, sei das die Schweiz, sei das Norwegen, wirklich ein Dorn im Auge.
Eine weitere wichtige Sache ist die Blindheit gegenüber einer Lernunfähigkeit, die auch in
diesen grossen Institutionen der Homogenisierung und Unionisierung schlummert. Es gibt einen ausgezeichneten
Aufsatz des Naturwissenschaftlers Uwe George im „Geo“ vor einigen Jahren, in dem er darlegte,
dass die Isolation es war, die sowohl die Länder, die Kulturen als auch die Natur, die Lebewesen
vorangetrieben hat. In der Isolation entwickeln sich Diversifikationen, Anpassungen, Problemlösungen.
Jedes Tier, jede Pflanze löst ihre Probleme auf verschiedene Weise und dann treten sie miteinander in
den Wettkampf und dann wird allmählich, nachdem ehemals isolierte Gruppe miteinander in Wettkampf treten,
werden die besten Lösungen herausgelesen. Das ist ein uraltes Prinzip jeder sowohl natürlichen wie
kulturellen Evolution. Das wird durch Homogenisierung und Unionierung vereitelt. Das heisst also, wir
erfahren, wenn wir diesen Artikel sorgfältig lesen, da erfahren wir, warum alle dirigistischen,
zentralisierten Planökonomien in der Welt im Kleinen – Albanien, Kuba – wie im Grossen –
Russland, China – immer wieder misslingen. Obwohl es sich eigentlich gut anhört, dass man versucht,
zentral zu sehen, was die Bevölkerung braucht und dann dafür zu sorgen, dass sie es auch bekommt.
Das ist an sich kein dummer Gedanke, er funktioniert nur leider nicht.
Die Konzeption der Unionierung ist anti-evolutionär. Sie verhindert die Weiterentwicklung. Eine ganz
schlimme Entwicklung ist der Schritt zur Wertegemeinschaft. Das, was ich in dem Buch von 1994 nicht wagte
vorherzusagen, und was ich ehrlich gesagt auch nicht vorhergesehen habe. Ich habe nicht gedacht, dass die
EU so schnell ihre demokratische Contenence verlieren wird, dass sie mit Nötigung, Erpressung und
unter Bruch aller eigenen Gesetze und vorgeschriebenen Prozeduren einen europäischen Staat dazu
zwingen will – und jetzt kommt das Wesentliche – in Österreich, um der EU Recht zu tun,
demokratisches Recht zu brechen. Dann man verlangt von den Österreichern einer Partei mit 27 %
Stimmen, die Mitarbeit an der Regierung zu verhindern, wofür es überhaupt keine Grundlage gibt.
Sie verbietet den Österreichern eine Regierung, die 67 % der Bevölkerung auf sich vereint
und 73 % des Bevölkerungswillens, die sich geäussert hat, sie werde dem Druck nicht nachgeben,
eine Regierung zu bilden. Das ist also eine Aufforderung zu einer undemokratischen Handlung und die wird sich
Österreich natürlich nicht bieten lassen.
Warum ist die Schweiz vor diesem Hintergrund so wichtig? Ich glaube, das kann man sehr einfach beantworten.
Es ist wie mit der DDR. Die Missstände, die Mängel, die Bürokratie der DDR war den Menschen
nur dann zuzumuten, wenn man ihnen die Vergleiche und die adversen Beispiele vorenthielt, daher keine
Westreisen, kein Westfernsehen, sonst geht das alles nicht mehr. Die Schweiz und Norwegen müssen in
die EU, damit die Beispiele verschwinden, die den europäischen Bürgern zeigen, es geht auch anders.
Man will ihnen sagen, es geht nicht anders. Es handelt sich um den Tod der Vergleichsmöglichkeiten.
Was ist nun die Hauptgefährdung in dem Ganzen? Ich glaube, dass kann man auf zwei Punkte konzentrieren,
abgesehen von der Niveaulosigkeit. Man hat lange überlegt, wie charakterisiert man die organisierte
Kriminalität. Da gibt es tausende verschiedene Definitionen in allen Ländern der Welt. Aber ein
Begriff taucht immer wieder auf. Und je mehr man darüber nachdenkt, desto mehr begreift man, ja, das
ist vermutlich der Kern. Organisierte Kriminalität ist gekennzeichnet dadurch, dass Täter wiederholt
dasselbe tun und nicht bestraft werden. Dass also Mörder Leute umlegen, dass Baugeschäfte durch
Korruption entschieden werden und ähnliches mehr, ohne dass die Täter zur Rechenschaft gezogen
werden. Jeder, der die Geschichte der EU-Kommissionen kennt, weiss, genau das ist seit langer Zeit der Fall.
Die Revisoren stellen jedes Jahr erneut fest, 5 % der Mittel sind verschwunden, es handelt sich um
Milliarden, sie werden nicht zurückverlangt. Milliarden werden erschwindelt in vielen EU-Ländern,
selbst wenn man es entdeckt, sie werden nicht zurückverlangt. Herr Buitenen, der mutig und unter grossen
persönlichen Opfern dies aufgedeckt hat, ist heute noch strafversetzt, degradiert, hat einen geringeren
Lohn und ist nicht rehabilitiert. Das müsste bereits reichen, die neue EU-Kommission wieder rauszuschmeissen,
denn sie hat offensichtlich vor, das Cover-up der vorherigen fortzusetzen und einen Mann, der seine Arbeit tut,
zu bestrafen. Das ist im Grunde ein geringes Vorstadium einer nicht gesetzestreuen Organisation.
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Das Zweite ist ein Milieugesichtspunkt. Der wird ihnen wahrscheinlich sehr bekannt sein. Wir verwandeln
Europa in eine einzige riesige Allmende, wenn wir das private Interesse der Menschen an ihren Ländern,
an ihren eigenen Problemen, Betrieben usw. ersetzen durch eine anonyme grosse Organisation. Sie kennen
alle das Problem der Allmende. Wenn sie in einem Ort einen kleinen Streifen haben, der niemanden gehört,
dann wird dort der Müll hingekippt, der wird zu allererst abgeerntet und der wird zu allerletzt
gedüngt. Das machen wir mit allen Milieufragen in Europa, wir machen aus ihnen eine Allmende. Der
grosse Naturforscher Konrad Lorenz hat einmal gesagt: „Leben frisst Entropie.“ Was heisst
das?
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Entropie ist der Zustand des Zerfalls, ist der Zustand der am wahrscheinlichsten ist. Das heisst
wahrscheinlicher als ein Spinnenauge oder ein Tintenfisch ist kein Spinnenauge, kein Tintenfisch, sondern
ein bisschen Wasser und ein bisschen Sand. Leben produziert unwahrscheinlich komplizierte Zustände
gegen die Kräfte von Verfall, gegen die Wahrscheinlichkeit, gegen die Trägheit der Materie. Wir
könnten genauso sagen, Souveränität frisst auch Entropie, nämlich die Bequemlichkeit
der Bürger. Das heisst, es kostet etwas, den unwahrscheinlichen Zustand eines unabhängigen Staates
aufrecht zu erhalten. Das, was es kostet, das leisten Sie heute und dazu wünsche ich Ihnen viel Glück.
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Dr. med. Michael G. Koch
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weiter
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Flavio Maspoli
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... Vor allem möchte ich für die Einladung recht herzlich danken,
ich freue mich, dass ich hier sein darf. Ich möchte auch dem Komitée „Aktion
für unsere Kinder“ danken für die über 25.000 Unterschriften, die Sie dem Referendum
beigesteuert haben.
Ich möchte beginnen, indes ich etwas Positives über die EU sage. Wir haben ja viel Negatives
gehört. Es ist an der Zeit, dass man etwas Positives sagt. Leider fällt mir nichts ein,
entschuldigung.
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Où sont les neiges d‘antan? Wo ist der Schnee vom vergangenen Jahr? Oder besser gesagt
oder deutsch gesagt und schweizerisch gesagt, wo sind die Zeiten geblieben, in welchen unser Land stolz
war, vier Kulturen zu beherbergen, vier verschiedene Völker miteinander leben und aufleben zu
lassen. Wo sind die Zeiten dahin, in der wir Schweizer uns freuten, wenn wir den roten Pass zeigen
durften? Irgendwo sind diese Zeiten verschwunden, denn heute gehen unsere Bundesräte und
Bundesrätinnen und unsere Politiker und Politikerinnen von Hinz zu Kunz, um sich zu entschuldigen.
Es wird nicht mehr lange dauern, dann werden wir uns entschuldigen müssen, dass es uns überhaupt
gibt.
Die Tatsache, dass es uns noch gibt, ist so störend, dass wir alles unternehmen, um uns zu zerstören,
nicht wahr? Ich meine, man soll Leute nicht an einem Satz aufhängen, den sie gesagt haben. Aber ich
kann natürlich nicht vergessen, dass Frau Bundesrätin Dreyfuss einmal von sich gegeben hat:
„Die Frage zu wissen, ob es die Schweiz nach der europäischen Integration noch geben wird, sei ihr
letztes Problem.“ Ich meine, das kann ich einfach nicht vergessen. Jedesmal, wenn sie spricht, muss ich
daran denken. Für mich ist die Frage, die Kernfrage und die erste und wichtigste und überhaupt die
einzige, die zählt, zu wissen, ob es die Schweiz noch geben wird oder nicht.
Schauen Sie, man schrieb das Jahr 1993 vielleicht. Herr Cotti war damals Bundespräsident und wir waren
alle überaus glücklich, dass wir einen Herrn Arafat in Bern begrüssen durften. Da hat sich
niemand daran gestört. Das war absolut normal. Herr Arafat ist ein grosser Demokrat, wie Sie wissen.
Er hat nie irgendetwas gemacht, was auch nur bei weitem totalitär klingen könnte oder angesehen
werden könnte. Aber hingegen - wir hatten jetzt ganze 300 Leute, die protestierten, weil Herr
Schüssel in die Schweiz gekommen ist.
Schauen Sie, so ändern sich eben die Zeiten und so ist es möglich, dass man eben die Wahrheiten
und die Wahrheit vertuscht und die Wahrheit so biegt, bis sie einem jeden gefällt. Also der Arafat
ist gut, der Schüssel ist nicht gut. Der Präsident von China ist ein Gentleman, aber die Frau
Benita Ferrero-Waldner, die ist nicht gut. Sehr wahrscheinlich, weil sie den gleichen Namen hat, wie ein
anderer - nur eben weiblich. Aber man schaut ja nicht, wer der Mensch ist. Die EU hat gesagt, Frau Ferrero
ist nicht gut, ergo ist sie nicht gut. Der EU hat gesagt, der Arafat ist phantastisch, also ist er
phantastisch. Diese Art des Denkens kann ich nicht teilen. Diese Art des Denkens muss ich leider
bekämpfen, obwohl wir alle, die wir hier sind, ziemlich isoliert und allein sind. Aber gerade deshalb
– glaube ich – müssen wir Berührungsängste mit all denen abbrechen, die so denken
wie wir in dieser Frage. Mich interessiert es herzlich wenig, ob die Kollegen aus den linken Lagern, die gegen
die bilateralen Verträge sind, ob die dann in zwei Jahren immer noch so denken wie ich, interessiert mich
im Moment nicht. Im Moment ist es wichtig, dass wir diese Verträge bekämpfen und zwar mit aller Kraft,
die wir haben. Je mehr wir zusammenrücken, um so stärker werden wir sein.
Wenn wir heute – oder nicht heute – wenn wir Europa, das Wort
Europa, was bedeutet das eigentlich? Was bedeutet das eigentlich. Für mich bedeutet Europa die Unterschiede
der verschiedenen Kulturen, die dieses Europa formen, zu kennen und zu verstehen. Ich will wissen, warum ein
spanischer Stierkampf nicht gleich ist wie ein portugiesischer Stierkampf. Ich will wissen, warum das Bernstein
im Verner (?) Land anders ist als an der Nordsee. Ich will wissen, warum Schubert 601 Lieder geschrieben
hat, und ich will vor allem wissen, warum sein italienischer Kollege Verdi eben Opern schrieb und nicht Lieder wie
Schubert. Mich interessiert es, warum in Rom das dolce fare niente zustande gekommen ist und es eben nicht in
Helsinki zustande gekommen ist, ha ha. Ich gebe da absolut keine Wertvorstellungen ab. Aber das ist Europa –
der Unterschied. Warum isst man in Schweden ein Smorrebrod, gut ist es, und Italien, in Neapel eine Pizza.
Warum ist die Pizza in Italien und nicht Schweden? Das sind die Sachen, die Europa ausmachen. In diesem Sinne bin
ich sicher mehr Europäer als viele der Bundesrätinnen und Bundesräte. Die essen nämlich nur
Pizza – und auch nur schlechte.
Wenn Sie aber in Bern das Wort Europa aussprechen, dann ist es nicht alles das. Dann ist es nicht das
Zusammentreten verschiedener - verschiedenster - Kulturen und verschiedenster Ideen, die etwas bilden,
was phantastisch ist, dank der Unterschiede. Wenn Sie in Bern Europa sagen, dann heisst das Brüssel, der
grosse Konzern, das grosse Gebilde mit den 93.785 Beamten, die den Tag lang dahinsiechen und neue Gesetze
ausstudieren. Wir haben ja in Europa für alles Gesetze. Man wollte sogar ein Gesetz erlassen – um
auf die Pizza zurückzukommen –, welche es verboten hätte, die Pizza im Steinofen zuzubereiten.
Dann hat es ein paar Probleme gegeben. Dann hat man gesagt: „Ja, vorläufig warten wir jetzt noch mit
dem. Wir haben Wichtigeres zu tun“ und hat dann die Länge der Bananen festgestellt und festgelegt.
Nehmen wir das Beispiel Schweiz. Wir haben eine Schweiz, die geht von Basel bis Chiasso, stimmt nicht ganz
- sie geht bis Penidigrata, ein Dorf daneben. Wir haben hier Kantone, die eigene Gesetze haben. Auf so einem
kleinen Gebiet wie die Schweiz haben wir festgestellt und mussten wir feststellen, dass die gleichen Gesetze
nicht gut sind. Im Appenzell können sie die Polizeistunde nicht zur gleichen Zeit machen wie in Mendrisio
usw.
Aber wir wollen morgen oder heute schon – am liebsten gestern – die gleichen Gesetze von Helsinki
bis Palermo. Da müssen sich dann alle dran halten. Wissen Sie, was mir Angst macht, ist, dass wir Schweizer
uns dann daran halten würden.
Während der EWR-Debatte waren die Baugerüste ein grosses Thema. Unsere Baugerüste sind nicht
EU-konform. Wir hätten dann unsere sämtlichen Baugerüste ausgewechselt. Glauben Sie, in Palermo
interessiert es irgend jemand, welche Baugerüste die EU will.
Bundesrat und Parlament begrüssen heute die Tatsache, dass im Volk – sie sagen im Volk, ich sage
lieber unter den Bürgerinnen und Bürgern unseres Landes – eine Diskussion stattfindet, eine
Diskussion über die Bilateralen Verträge. Sie begrüssen das. Sie freuen sich, dass diese
Diskussion da ist. Wären da aber nicht die Aktion für unsere Kinder und ein paar andere Wenigkeiten
gewesen, unter welche ich meine zähle, dann hätte diese Diskussion nie stattgefunden. Die haben
alles unternommen, um diese Diskussion zu unterbinden. Die Diskussion im Parlament – Herr Kollege Stamm
soll mich Lügen strafen, wenn dem nicht so ist – war keine Diskussion, sondern war eine Lobhymne
an die Bilateralen Verträge. Man hat gesagt, wie schön und wie phantastisch diese wären für
unser Land. Wie gefährlich es sein würde, sollte man diese nicht annehmen. Aber es ist ja ganz klar,
warum dem so ist. Wer sowieso bereit ist, in die EU einzutreten, für den sind diese Verträge
überhaupt nichts. Sie stellen lediglich einen ersten – zwar wichtigen – aber nur einen ersten
Schritt dar. Anders ausgedrückt, wer bereit ist, bis im Hals im Wasser zu stehen, hat nicht dagegen, wenn
dieses vorerst nur bis zu den Knien reicht. Deshalb hat man diese schlechten Verträge abgeschlossen, deshalb
will man sie dem Volk unterjubeln, weil sie ja lediglich den ersten Schritt darstellen. Schauen Sie, was hat man
1992 gesagt, vor der EWR-Abstimmung? Ich erinnere mich noch gut daran. Man hat Sachen gesagt, wie: Der Schweizer
Franken wird sinken. Die Schweizer Aktien werden sterben. Die Schweiz wird vollkommen isoliert werden. Haben
Sie etwas davon gespürt? Der Schweizer Franken wird jetzt sehr bald mit dem Euro gleichwertig gehandelt
werden. Es geht noch drei, vier Jahre oder fünf, aber nicht mehr. Die Schweizer Aktien sind noch nach wie
vor da, isoliert ist überhaupt niemand. Also, was soll das ganze Theater? Man hat gesagt, der Export wird
stark darunter leiden. Wenn ich richtig orientiert bin, er hat nur, wenn ich richtig orientiert bin, in den
letzten Jahren um 17 % zugenommen. Vielleicht hätte er mit dem EWR 20 % zugenommen, wer weiss.
Aber vielleicht hätte er auch überhaupt nicht zugenommen. Das ist auch eine Möglichkeit, denn
das Gegenbeispiel gibt es nicht. Wir wissen, was wir haben, weil wir nicht in den EWR gegangen sind. Wir wissen
nicht, was wir gehabt hätten, wenn wir in den EWR gegangen wären. Aber den EWR hat es ja nie gegeben,
weil die Schweiz nicht beigetreten ist. Also ist die Schweiz so klein und so nichtig, trotzdem so wichtig, dass
sie den EWR durch ihr Nein praktisch ausgelöscht hat. Wenn man uns sagt, wir werden isoliert. Ja, sicher.
Es ist ja einfach, die Schweiz zu isolieren, sehr einfach. Sie liegt ja ziemlich marginal, irgendwo zwischen
Russland und Finnland und man kann sie sehr gut isolieren und sie hat überhaupt keine Ausländer.
Verstehen Sie, wir haben keine Ausländer bei uns, deshalb kann man uns isolieren. Angenommen wir hätten
20 % Ausländer in der Schweiz, wäre es unmöglich, uns zu isolieren. Aber da wir ja keine
haben, gehen wir dieses Risiko natürlich ein, es ist schon so.
Meine Damen und Herren, ich bin überglücklich, heute hier zu sein, denn ich trete sonst nur im
gegnerischen Lager auf. Da muss ich Ihnen sagen, mit Applaus werde ich da kaum bedacht. Auch bei den
Fernseh– und Radiogesprächen ist es immer sehr interessant. Fünf gegen einen, vier
gegen einen, wenn es gut geht, drei gegen zwei.
Ich wollte noch zum Abschluss folgendes sagen. Bei der EWR- Abstimmung war es so, dass die Parteien,
natürlich die grossen Parteien wie die von Herrn Stamm ihre Parolenfassung durchführten. Das war
natürlich die zentrale Partei - die Schweizerische Partei - und jede kantonale Partei hat mich nach
dem Prinzip geholt: Für das Ja zum EWR nehmen wir den Präsidenten der Partei und für das
Nein holen wir den Exoten aus Lugano. Der Exot aus Lugano, der ist von Gerlafingen über Neulenkbach,
St.Gallen, Thurgau, weiss ich, hat die ganze Schweiz bereist. Die Schweiz ist schön und man bereist
sie gern und hat dann bei der Parolenfassung zugeschaut. Dann war es immer so 120:2, 179:0. Einmal kann
ich mich sehr gut erinnern; in St.Gallen, da hatte ich wirklich das Gefühl, ich habe gut gesprochen,
da war es 200:0. Da bin ich eigentlich etwas entrüstet aus diesem Saal gelaufen oder gegangen,
–gelaufen ist für mich nicht so gut – gegangen, langsam - mit einer Flasche Beerli-Wein,
die ich da bekam. Überall bekommt man eine Flasche Beerli-Wein. Ich wollte eigentlich schon nach Hause.
Da sind drei Leute hinter mir hergelaufen – die sind dann wirklich gelaufen – und haben gesagt:
„Bitte, Sie müssen sich nicht aufregen. Wissen Sie, da haben jetzt alle Ja sagen müssen,
aber Sie werden sehen bei der Abstimmung.“ Und genauso war es. St. Gallen hat dann mit 78 %
Nein gesagt zum EWR. Gut, ich danke, dass ich kommen durfte. Ich hoffe, ... Das Wichtigste für uns
ist, dass jeder da jetzt nach Hause geht und mit mindestens zehn Personen spricht und diese überzeugt,
dass man zu den bilateralen Verträgen Nein sagen muss. Und diese zehn müssen es dann weiter an
zehn erzählen. Dann könnten wir sogar eine Überraschung am 21. Mai haben. Danke schön.
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Flavio Maspoli
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Dr. iur. Luzi Stamm
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Ganz herzlichen Dank. Ich bedanke mich, dass ich hier sein darf. Es liegt mir am Herzen, eine
für mich wichtige Vorbemerkung zu machen, bevor ich von diesen sieben Bilateralen Verträgen
rede. Diese Vorbemerkung deshalb, weil vorher Herr Christensen geredet hat, ich kenne ihn nicht, ich
habe ihn zum ersten Mal gesehen. Er hat den Satz geprägt: „Die Institution der direkten
Demokratie würde zerschlagen, wenn wir in die EU eintreten.“ Ich muss Ihnen sagen, ich bin
seit achteinhalb Jahren im Parlament, ich habe kaum je einen Schweizer gehört, der das gesagt hat.
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Ich stelle fest, ich rede sehr gern vor Schulklassen, es kommen viele Schulklassen ins Bundeshaus, ich
stelle immer zwei Fragen, wenn ich das Privileg habe, mit ihnen reden zu dürfen. Ich stelle die
Frage: Wer möchte in die EU eintreten?“ Bei den Kantonsschülern sind es so circa 75% im
Durchschnitt, die Ja sagen. Und wenn ich einige Minuten später, absichtlich – ein
Gesprächsthema dazwischen – frage: „Wer wäre bereit, Initiative und Referendum
einzuschränken?“ Da gibt es keine 75 %, da gibt’s 100:0. Und ich sage das, was
ich jetzt sage, vor allem an die jungen Mitbürgerinnen und Mitbürger, hören Sie das:
Es ist die Zerschlagung der direkten Demokratie, wenn wir in die EU eintreten. Es ist ganz einfach,
das mit einem Beispiel zu belegen. Der Beitritt zur EU hat zur Folge, dass die Mehrwertsteuer automatisch
auf 15 % springt, mindestens. Da können Sie jede Woche 100.000 Unterschriften sammeln und
können eine Volksabstimmung erzwingen, die direkte Demokratie ist weg, Sie können das an der
Urne nicht mehr entscheiden. Und ich sage jetzt einen Satz oder etwas, das versuche ich bei jedem Referat
am Schluss zu sagen und das ist der Grund, weshalb ich persönlich in der Politik bin. Sie können
selbstverständlich eine völlig politisch andere Meinung als der Luzi Stamm haben, als der Flavio
Maspoli sowieso, das ist eine Selbstverständlichkeit. Sie können für 5 % Mehrwertsteuer
sein oder für 15 %. Sie können für eine Mutterschaftsversicherung sein oder nicht. Sie
können für tagelange Tiertransporte einstehen oder Sie können meinen, das widerspreche dem
Tierschutzgesetz. Oder Sie können für oder gegen das Bankgeheimnis sein. Aber Sie dürfen
bitte etwas nicht machen: Schaffen Sie um Himmel Gottes Willen die direkte Demokratie nicht ab. Machen Sie
sich keine Illusionen, wenn wir eine Volksabstimmung haben, wie wir das hatten vor einigen Jahren, 6,2 %
oder 6,5 % Mehrwertsteuer, da geht’s im Bundeshaus nicht um 6,2 % oder 6,5 %
Mehrwertsteuer, sondern es geht es darum, wie viele Prozent wird das Volk akzeptieren. Noch einmal: Schaffen
Sie um Gottes Willen die direkte Demokratie nicht ab – das die Vorbemerkung.
(kurze englischer Dank an Herrn Christensen für seine bedeutsame Bemerkung)
Jetzt zu den Bilateralen Verträgen. Ich mache es deshalb ein bisschen kürzer und rede über
die fünf weniger wichtigen Dossiers im Grunde genommen nicht. Landverkehr und Personenverkehr, das sind
die beiden wichtigen. Die anderen fünf haben Vor- und Nachteile, meines Erachtens sind sie wahrscheinlich
ungefähr ausgewogen, ich möchte nur etwas sagen zu diesen fünf. Denken Sie zum Beispiel an die
Forschung: Jederman sagt, das Dossier Forschung ist positiv. Ich will nicht einmal sagen, es ist positiv oder
negativ. Aber folgendes: 1994 hatten wir im Parlament die Frage vor uns, ob wir 554 Millionen Franken der
EU geben sollen für gemeinsame Projekte. Im Parlament hatten wir tagelange Diskussionen, ich war in dieser
Spezialkommission. Wir hatten die Leute von der Maschinenindustrie, Chemie, usw., die kamen und legten ihre
Meinung dar. Die Chemie war dagegen; die haben gesagt, wenn wir 554 Millionen in der Schweiz einsetzen,
bringt das viel mehr als wenn wir’s ins Ausland transferieren. Es gab einen Brief vom 2. Mai 1994,
da haben die fünf damals lebenden Nobelpreisgewinner, dem Bundesrat gesagt: „Macht das nicht, weil
das Geld in der Schweiz besser investiert ist.“ Ich stelle einfach fest, das ist überhaupt kein
Gesprächsthema, null Gesprächsthema, ich habe auch keine solche Diskussion jetzt gehört. Und
damit komme ich auch gerade zum Dank an die Leute, die die heutige Veranstaltung organisieren, Dank, dass Sie
mich eingeladen haben. Es ist fast nicht tragbar in meinen Augen, wie schlecht oder wie wenig diese Diskussion
geführt wird. Ganz abgesehen davon ist es nicht tolerierbar, wie Druck aufgebaut wird gegenüber Leuten,
die bereit sind, an solchen Diskussionen teilzunehmen. Herr Maspoli und ich, wir können Ihnen ein Liedchen
singen, das ging bis gestern noch schnell Faxübermittlung: Die Leute, die dann hier auftreten, die seien
schon sehr nahe beim Rechtsextremismus und beim VPM und weiss ich, wo nicht überall. Ich sage in aller
Öffentlichkeit, ob der VPM, die Freiheitlichen, die Grünen, die Sozialisten, religiöse Gruppierungen
oder wer auch immer ist, es kann nicht negativ sein, wenn man auftritt und die Meinung plazieren kann. Herzlichen
Dank, dass Sie mir die Gelegenheit geben.
Ganz kurz zum Verkehr: Während Jahrhunderten hat die Schweiz, vor allem die Innerschweiz davon gelebt,
dass sie den Transport organisiert haben. Gute Transportleistungen gegen gutes Geld, habe ich einmal gelesen.
Ich stelle einfach fest, dass wir eine radikale Umkehr der Philosophie offenbar hinter uns haben. Wer dauernd
für zweistellige Milliardenzahlen – die NEAT – für die EU, nicht für uns, das ist
ja relativ klar. Wir geben 285 Millionen pro Jahr aus, flankierende Massnahmen, um den Verkehr und den
Güterverkehr angeblich auf die Schiene zu bringen, das ist auch alle dreieinhalb Jahre wieder eine Milliarde.
Trotzdem werden wir die Güter nicht auf die Schiene bringen, so wie sich die Leute das vorstellen. Ich
mache eine Klammer auf, ich bitte Sie, die Voten der Befürworter daran zu messen, ob das stimmt in zehn
Jahren, dass 650.000 Lastwagen durch die Alpen fahren oder ob’s dann eventuell mehr sind; Klammer wieder
geschlossen. Es wird uns nicht gelingen, die Güter auf die Schiene zu bringen, folglich tragen wir noch
die Defizite dort drüben. Und wir haben das Verkehrschaos. Also NEAT, flankierende Massnahmen, Defizite
und Verkehrschaos. Man hätte sagen können, wir lassen die 28-Tonnenlimite, wir lassen die
40-Tonnen-Fahrzeuge durch, aber lassen die auch teuer bezahlen, das wäre ein Huhn mit goldigen Eiern
gewesen. Ich stelle einfach fest, wir verzichten auf das Huhn mit goldigen Eiern, das wir noch hätten
steuern können, je höher der Preis gewesen wäre, desto mehr wäre noch auf die Schiene
gegangen. Wir verzichten auf diese Lösung und wir wählen diejenige, die ausserordentlich teuer ist,
abgesehen von den Umweltproblemen. Das zum Verkehr.
Stichwort Personenverkehr: Das ist mein grösstes Anliegen. Und zwar fussen meine Bedenken auf zwei
ökonomischen Binsenweisheiten. Die erste Binsenweisheit ist, die Leute ziehen dorthin, wo es attraktiv
ist. Punkt, fertig. Ich will nicht sagen, es wird Zuwanderung in die Schweiz geben. Niemand weiss es. Aber
wenn uns das gelingen würde, was unserer Elterngeneration gelungen ist, nämlich ein sehr attraktives
Land zu schaffen oder zu erhalten, mit überdurchschnittlichem Wohlstand, dann wird es Zuwanderung geben, das
ist eine Selbstverständlichkeit. Die zweite Binsenweisheit ist die folgende: Und das ist jetzt fast
amerikanisch argumentiert, wenn ich das so mache. Die sind ja das Musterkind der freiheitlichen Liberalisierung,
was den Wettbewerb betrifft. Freier Handel bedeutet Erhöhung des Wohlstands und die freie Wanderung das
Gegenteil, das ist ein ökonomisches Prinzip aus der Sicht eines reichen Landes betrachtet, was
wahrscheinlich unumstösslich ist.
Wenn Sie das Glück haben, hier oben zu sein, und sie öffnen die Grenzen für die Wanderung, dass
das einen nivellierenden Effekt hat, ist ja wohl eine Selbstverständlichkeit. Oder ich frage Sie, weshalb
haben denn sämtliche Länder, die das Glück haben, attraktiv zu sein, Canada, USA, Australien,
Israel, Singapur, natürlich auch die EU als ganzes im Aussenverhältnis, weshalb öffnen denn die
die Grenzen nicht? Weshalb öffnen denn die die Grenzen nicht, wenn das stimmt, was ich täglich
höre, dass das im Interesse der Schweiz sein soll. Schade, dass Herr Maspoli nicht mehr hier ist, an
anderen Veranstaltungen pflegt er das Beispiel der Sekretärin aus Como zu erzählen, 1200 Franken
Einkommen, dann hat sie Lugano gegenüber mit einem dreifachen Einkommen. Selbst wenn sie mit dem
Luganesischen Arbeitgeber abmacht, wir schrauben nur auf 2,5 Tausend rauf, auch wenn Du 3,5 Tausend
aufschreibst, damit bin ich zufrieden, damit Du Deine Vorschriften einhälst. Wo ist die Bremse? Die Leute
sagen immer, niemand kann zuwandern ohne Arbeitsvertrag. So generell stimmt das nicht. Sie können einfach
sagen, ich bin ein unabhängiges individuelles, selbständig erwerbendes Putzinstitut, das da einwandert.
Oder Sie können sagen, ich bin ein selbständiger Dachdecker. Sie können sagen, ich bin eine
selbständige Bürohilfe, wo soll die Bremse sein? Nivellierend ist das auf jeden Fall, der Schutz des
Schweizerischen Arbeitnehmers fällt auf jeden Fall dahin. Das ist ja die Gefahr oder die Bedenken, welche
die Leute haben, die den Personenverkehr fürchten. Es ist völlig einfach, eine Welt oder eine Gesellschaft
zu kreieren mit wenig reichen Leuten und einer breiten, relativ armen Masse. Das schaffen auch die Drittweltstaaten.
Aber es ist ausserordentlich schwierig, das zu schaffen, was die Schweiz geschafft hat, dass sie eine Gesellschaft
langsam, langsam, langsam hochheben, dass auch die benachteiligten Gruppen – das sind diese Gruppen, die man
immer wieder hört, nicht wahr, die alleinerziehenden Frauen, die kinderreichen Familien, die
vermögenslosen Rentner oder wie man das sagen will – dass man die mit dem Wohlstand hochhebt, dass
ist eine ausserordentlich schwierige Übung, bei der man Solidarität braucht, einen Gesellschaftsvertrag
braucht. Und die Angst ist doch, dass wenn wir hier die Grenzen aufmachen, dass durch die Zuwanderung hier unten
das nach unten gerissen wird. Und das kann man doch nicht einfach mit einer Handbewegung wegwischen. Das sind die
Bedenken. Das sind die Bedenken, die mich dazu bewogen haben, gegen die Bilateralen Verträge zu sprechen.
Letzte Bemerkung: Mir wurde gerade am letzten Zusammentreffen – nicht wahr, Flavio? – vorgeworfen,
ich sei egozentrisch und egoistisch, das gebe ich sogar zu. Ich hoffe, nicht von der persönlichen Optik her,
aber von der staatlichen Optik her sehr wohl. Wenn ich das ein bisschen böse sagen darf, ich bin zumindest
von den Aargauer Stimmbürgerinnen und Stimmbürgern nicht gewählt, um dafür zu sorgen, dass
die Landwirtschaft in Rumänien besser wird oder die Industrie in Südportugal aufgebaut wird. Ich gebe
zu, dass der Wohlstand der Durchschnittsbevölkerung der Schweiz mir am Herzen liegt und ich nehme ebenfalls
zur Kenntnis, das war in der Tat Thema der zweiten Hälfte meines Buches „Der Kniefall der Schweiz“.
Ich nehme zur Kenntnis, wie beängstigend stark die Verantwortlichen dieses Landes die Kraft verloren haben,
für dieses Land zu kämpfen.
Herzlichen Dank für die Aufmerksamkeit.
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Dr. iur. Luzi Stamm
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